Donnerstag, 19. März 2015

Ich wünsche mir hier noch tiefergehende theologische Debatten“ oder: „Das ist die Zeit der Barmherzigkeit!“

Ich wünsche mir hier noch tiefergehende theologische Debatten“, sagte Bischof Heiner Koch am 25.2.15 in einem Doppelinterview mit Bischof Franz-Josef Bode gegenüber dem Internetportal der katholischen Kirche in Deutschland katholisch.de zu seinen Erwartungen an die diesjährige Familiensynode. Familienbischof Koch wie der Vorsitzende der Pastoralkommission waren zuvor neben dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx auf der Frühjahrsvollversammlung als Delegierte der Deutschen Bischöfe gewählt worden – und als deren Stellvertreter im Krankheit- oder Verhinderungsfall der Vorsitzende der Jugendkommission, Bischof Karl-Heinz Wiesemann, und der stv. Vorsitzende der Kommission Ehe und Familie, Weihbischof Wilfried Bernhard Theising aus Münster.
Bischof Karl-Heinz Wiesemann, Bischof Franz-Josef Bode,
Reinhard Kardinal Marx, Bischof Heiner Koch (v.l.) © KNA
Seit dem Beschluss des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz vom 27.1.2015 sich in allen 27 Diözesen an dem Fragebogen zur Vorbereitung der Familiensynode im Oktober zu beteiligen, sind alle Teilkirchen Deutschlands – so gut es jeweils vor Ort möglich gewesen ist – mit ihren diözesanen Gremien und Verbänden mit den 46 Einzelfragen beschäftigt und praktizieren damit ganz selbstverständlich, was Papst Franziskus sich für die ganze Kirche wünscht: Angstfrei und engagiert zu kommunizieren und an die 'existentiellen Peripherien' des Lebens zu gehen, um von dort her das Evangelium der Familie zu erschließen, wie zuletzt am 14.2.2015 in diesem Blog beschrieben.

Diese neu gewonnene Freiheit, dass um theologische Fragen vor Ort gerungen und debattiert wird und auch die Freiheit des Wortes gilt, erlebte ich selbst in fünf Begleitveranstaltungen in den vergangenen Wochen am eigenen Leibe – und spürte mit Bewegung und Dankbarkeit, dass an der Basis die von Papst Franziskus auf den Weg gebrachte ‚Kirche im Aufbruch‘, die die Auseinandersetzung mit den Fragen der Zeit, die Verheutigung und Vertiefung der Lehre nicht scheut, lebendig ist. Und die diözesanweiten Befragungen, die in diesen Tagen in jedem Bistum ausgewertet werden, fördern sicher Gedanken zu Tage, die die Kirche braucht, um mutig und gemeinsam weiter voranzuschreiten. Vielleicht ergeben sie auch neue Impulse zu einer Argumentation der Deutschen Bischöfe hinsichtlich der schwierigen Frage hinsichtlich der Möglichkeit der Zulassung von wiederverheiratet Geschiedenen zu den Sakramenten. Den von der Deutschen Bischöfen hierzu herangezogenen 'Schlüsselgedanken' der Analogie‘ hatte ich in diesem Blog neben der ‚Gradualität‘ am 19.1.2015 bereits beschrieben und am 14.2.15 den ‚Freundschaftsbegriff‘ ergänzt.



Die eigentliche pastorale Problemanzeige – noch bevor man einen 'Schlüsselgedanken' zur ‚Lösung‘ anwendet – wird durch den Vergleich zweier, nur wenige Seiten voneinander entfernt stehender Sätze in den ‚Überlegungen der Deutschen Bischofskonferenz zur Vorbereitung der Bischofssynode‘ mit dem Titel ‚Theologische verantwortbare und pastoral angemessene Wege zur Begleitung wiederverheiratet Geschiedener‘ (Arbeitshilfe 273 des Sekretariates der Deutschen Bischofskonferenz) in ihrer Dringlichkeit unabweisbar: Einigkeit herrscht unter den Bischöfen – wider den Anschein einiger Pressemeldungen – hinsichtlich der Beschreibung des Wesenselements der Unauflöslichkeit der Ehe.
Die Pastoral für Gläubige, deren Ehe gescheitert ist und die zivil geschieden und wiederverheiratet sind, darf bei allem Verständnis für die schwierige Situation, in der sie leben, das Zeugnis der Kirche für die Unauflöslichkeit der Ehe nicht verdunkeln und in der Öffentlichkeit keine Missverständnisse hinsichtlich der kirchlichen Lehre hervorrufen.“ (AH 273, 53)
Dies unterstrichen, wird aber in dem folgenden Satz das ausnahmslose Festhalten an dieser Praxis beinahe mit demselben Wortlaut als 'Verdunkelung' eines noch höheren Wertes gesehen:
Jedenfalls ist in der gegenwärtigen Situation festzustellen, dass die in Familiaris consortio (Nr. 84) geäußerte Sorge, dass die Zulassung zur Eucharistie von wiederverheiratet Geschiedenen bei den Gläubigen hinsichtlich der Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit der Ehe Irrtum und Verwirrung bewirkt, in eine umgekehrte Richtung gegangen ist: Die Nichtzulassung wird als Verdunkelung des Zeugnisses der Verkündigung der Barmherzigkeit gesehen.“ (AH 273, 60) 

'Überlegungen der Deutschen Bischofskonferenz zur Vorbereitung der Bischofssynode vom 24. Juni 2014  über "Theologisch verantwortbare und pastoral angemessene Wege zur Begleitung wiederverheirateter Geschiedener", S. 51, 60.
Mit welchen der genannten oder weiterer guter ‚Schlüsselgedanken‘ man an dieser Stelle weiterkommt, die ‚göttliche Pädagogik' (s. Relatio Synodi Nr. 13) in die heutige Zeit zu tragen, ist die Frage, mit welcher auch viele andere zentrale Fragen verbunden sind und mit bewegt werden. Dass die gesamte Kirche hier nach bestem Wissen und Gewissen ringt, ist das Wünschenswerteste aber auch das Notwendigste, was einer Kirche im Aufbruch gerade geschehen kann. Und man muss nicht mit der Gabe prophetischer Rede begabt sein, um auch für die Zeit nach der diesjährigen Bischofssynode vorauszusagen, dass auch dann die nicht nur von den Deutschen Bischöfen eingebrachte Erwägung einer unter ganz bestimmten Umständen möglichen Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zu den Sakramenten nicht – auch nicht rückblickend – als ‚Häresie‘ bezeichnet wird (wie es das in Österreich ansässige, private Internetmagazin kath.net in einer Meldung vom 2.2.2015 Kardinal Josef Cordes gegenüber Walter Kardinal Kasper in den Mund legt). Polarisierende, unter Druck setzende und tendenziöse Berichterstattungen – wie sie Bischof Stephan Oster unlängst kennzeichnete – können zwar das Erscheinungsbild der Kirche nach innen und außen trüben, aber die von Papst Franziskus garantierte ‚Freiheit, die es in der Kirche  gibt und die Aufforderung, den synodalen Prozess um der Verheutigung der Kirche und des Evangelium willen weiterzuführen, weder verhindern, noch aufhalten, noch grundlegend schwächen.



Nicht selten fühlte ich mich – u.a. auch bei der Lektüre einiger anlässlich des zweiten Jahrestages der Wahl von Papst Franziskus publizierter Zeitungsberichte – an eine Predigt am Silvestertag 2014 von Papst Franziskus erinnert, in welcher er nachdenklich ins Wort brachte,

"dass es für den Herrn einfacher gewesen ist, Israel aus Ägypten herauszunehmen, als Ägypten aus den Herzen der Israeliten."
Dabei ist gerade dies das Evangelium, die frohe Botschaft für unsere Zeit: Den Menschen zu verkünden, "dass dies die Zeit der Barmherzigkeit ist", wie es Papst Franziskus am 28.7.2013 auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien ausdrückte. "Das ist die Zeit der Barmherzigkeit", sagte er auch am zweiten Jahrestag seiner Papstwahl, an dem er völlig überraschend ein Heiliges Jahr der Barmherzigkeit, beginnend am 8.12.2015, dem 50. Jahrestag des Abschlusses des II. Vatikanischen Konzils, ausgerufen hat. Wie diese Barmherzigkeit konkret in die heute Zeit zu übersetzen ist, welche Konsequenzen sie für die Lehre und die Pastoral der Kirche und für die ‚Mission der Familie in der gegenwärtigen Zeit‘ hat, dass sie weit mehr ist als ‚bloßes Gutmenschentum‘, ein ‚Schlupfloch‘, eine ‚billige Gnade‘, darum wird es auf der XIV. Ordentlichen Bischofssynode vom 4.-25.10.2015 in Rom gehen. Und es heißt neu die "Türen und Fenster zu öffnen, um nahe bei den Menschen zu sein", wie es Rainer Kardinal Woelki aus Anlass des zweiten Jahrestages der Papstwahl in seinem 'Wort des Bischofs - Aggiornamento subito!' am 17.3.2015 ins Wort brachte.
Wir dürfen gespannt sein, welche von den Ergebnissen des synodalen Prozesses, die in diesen Tagen in den Diözesen oder den überdiözesanen Verbänden und Gremien Deutschlands veröffentlicht werden, Impulse für die Lehre und die Pastoral der Kirche in der Welt geben werden, einer Kirche, die nahe an den Nöten der Menschen von heute ist!



Ausführlichere Umfrageergebnisse sind vom Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, den Bistümern Essen und Münster und den Erzbistümern Köln und München-Freising veröffentlicht worden.

Der Blog-Beitrag vom 19.4.2015 widmet sich den der Frage der Lehrentwicklung und den unterschiedlichen Veröffentlichungen der Rückmeldungen der Diözesen und überdiözesanen Verbände und Gremien zur Vorbereitung der Familiensynode 2015!